
Ein Kompartmentsyndrom (vom englischen Wort „compartment“ abgeleitet) bezeichnet eine Durchblutungsstörung von Muskeln in einem abgeschlossenen Raum – einem Kompartiment -, das von einer sehnenartigen und wenig dehnbaren Muskelhaut (Faszie) umschlossen ist. In diesen Muskelkammern oder Muskellogen kann sich in bestimmten Fällen ein so hoher Gewebedruck aufbauen, dass es durch die gestörte Durchblutung zu Nervenschädigungen und Funktionsstörungen der betroffenen Gliedmaßen kommt.
Das Kompartmentsyndrom (Muskelkammersyndrom) existiert sowohl in einer akuten als auch in einer chronischen Form. Bei Läufern – vor allem Langstreckenläufern – ist zumeist das vordere Kompartiment des Unterschenkels betroffen. Schätzungen zufolge haben etwa 10 bis 20 Prozent aller laufabhängigen Unterschenkelschmerzen ihre Ursache in einem chronischen Kompartmentsyndrom.
Die Ursachen von akuten und chronischen Kompartmentsyndromen
Ein Kompartmentsyndrom entsteht durch eine Druckerhöhung in einer der Muskellogen. Ein zu hoher Druck auf die Muskeln kann sich zum Beispiel infolge einer Laufverletzung oder eines Knochenbruchs ergeben: Kommt es zu einem Bluterguss oder zu einer Ansammlung entzündlicher Flüssigkeit in einer der engen Muskelkammern, erhöht sich der Druck auf die Muskeln, die sich wegen der straffen Faszie nicht genügend ausdehnen können. Auch Muskelbinden oder Gipsverbände, die zu stramm anliegen, können zu einer massiven Druckerhöhung in den Kompartiments führen. Infolge des erhöhten Gewebedrucks werden nicht nur die versorgenden Blutgefäße, sondern auch die Nerven zusammengepresst, was zu Nervenschädigungen und Durchblutungsstörungen im betroffenen Bereich führt. Ein akutes Kompartmentsyndrom erfordert rasches Handeln, da es als Notfall einzustufen ist. Wird die Blutversorgung nicht innerhalb weniger Stunden wiederhergestellt, kommt es zu einem schnellen Absterben von Muskel- und Nervengewebe sowie zu einer Verkürzung und einem Funktionsverlust von Muskeln und Gelenken. Das Ausüben des Laufsports wäre in einem solchen Fall nicht mehr möglich.
Seltener als das akute Kompartmentsyndrom ist das chronische, von dem vor allem Langstreckenläufer betroffen sind. Durch langes Laufen erhöht sich das Risiko für eine Muskelüberlastung. Zudem weisen Langstrecken- und Marathonläufer infolge ihrer hohen Trainingsumfänge eine um bis zu 20 Prozent erhöhte Muskelmasse am Unterschenkel auf. Die Faszien bieten diesen übermäßig gewachsenen Muskeln nicht genügend Platz, weshalb es unter Laufbelastungen zu einer Kompression der Blutgefäße kommt, die wiederum eine schlechte Durchblutung und Sauerstoffmangel in den Muskeln hervorrufen, so dass das Lauftraining wegen Schmerzen und Muskelschwäche abgebrochen werden muss.
Die Symptome des Kompartmentsyndroms
Typisch für die Symptome, die mit einem Kompartmentsyndrom im Unterschenkel einhergehen, sind Schmerzen, die erst nach rund drei Kilometern Lauftraining auftreten und nach Beendigung des Laufens sofort aufhören. In Ruhephasen verursacht ein Kompartmentsyndrom keinerlei Beschwerden. Außer starken Belastungsschmerzen ist das Kompartmentsyndrom auch durch Schwellungen und Spannungsgefühle im Bereich der betroffenen Muskulatur gekennzeichnet. Infolge der Unterbrechung der Blutzufuhr sind die Füße kalt und von blasser Farbe. Unter Umständen kommt es zu Gefühlsstörungen oder sogar zu Muskellähmungen. So sind die von einem Muskelkammersyndrom der Unterschenkel betroffenen Läufer häufig nicht mehr imstande, den Fuß oder die Zehen zu heben!
Diagnose und Therapie des Kompartmentsyndroms
Ob ein Kompartmentsyndrom des Unterschenkels vorliegt, lässt sich durch eine Druckmessung im entsprechenden Muskelkompartiment nachweisen. Einen ersten Hinweis auf die Erkrankung liefert auch schon ein Taubheitsgefühl zwischen der ersten und zweiten Zehe des betroffenen Fußes.
Die Beschwerden, die mit dem Muskelkammersyndrom einhergehen, lassen sich durch sofortige Unterbrechung des Lauftrainings zum Verschwinden bringen. Als Selbsthilfemaßnahmen geeignet sind auch Kälteanwendungen sowie ein Lagern der Beine in Herzhöhe oder tiefer. In vielen Fällen lässt sich der Druck in der Muskulatur auch durch Diuretika (Wasser ausschwemmende Medikamente) verringern. Ein Arzt kann Blut und entzündliche Flüssigkeit im Gewebe alternativ dazu über einen operativ angelegten Schlauch ableiten. Darüber hinaus sind manuelle Lymphdrainagen, physiotherapeutische Übungen und Dehnungsübungen für die Beinmuskulatur empfehlenswert, um chronische Kompartmentsyndrome der Unterschenkel konservativ zu behandeln.
Bei einem akuten Muskelkammersyndrom, das unbehandelt zu einem Absterben von Muskelzellen führen kann, ist oft eine Operation der letzte Ausweg, um durch eine Spaltung der Faszie dem Muskel den benötigten Raum wiedergeben zu können.
Wird das Kompartmentsyndrom rechtzeitig behandelt, so dass sich der Gewebedruck reduziert und die Durchblutung verbessert, kann sich die Muskulatur in der Regel wieder vollständig erholen. Bleibende Schäden an Muskeln und Nerven sind in diesem Fall nicht zu befürchten, so dass auch das Lauftraining wieder vorsichtig aufgenommen werden kann.
Dem Kompartmentsyndrom vorbeugen
Um einem chronischen Kompartmentsyndrom vorzubeugen, ist es ratsam, die Laufumfänge erst einmal zu reduzieren, nur im schmerzfreien Bereich zu trainieren und die Umfangssteigerungen sehr behutsam vorzunehmen. Auch die Lauftechnik sollte überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden, da es durch einen Fußaufsatz, bei dem die Zehen stark zur Nase gezogen werden, zu einer Überlastung des vorderen Schienbeinmuskels kommen kann. Ein aktiver und flacher Fußaufsatz hingegen reduziert das Risiko eines Kompartmentsyndroms im Unterschenkel.
Der Vorbeugung von Durchblutungsstörungen dient es auch, nach Laufverletzungen darauf zu achten, dass eventuelle Verbände die Muskulatur nicht einschnüren und so einem Kompartmentsyndrom Vorschub leisten.
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