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02.09.2014 von Silvana Arndt

Retro-Running

Die Welt einmal anders erlaufen

Retro-Running

Rückwärts ist eine Richtung, die der durchschnittliche Mensch nur in den seltensten Fällen einschlägt. So legen wir zum Beispiel den Rückwärtsgang beim Auto ein, um – hoffentlich – galant in die Parklücke zu kommen. Manche Reisende setzen sich auch bewusst in Zügen entgegengesetzt der Fahrtrichtung, um länger der Landschaft hinterherschauen zu können.

Und wenn einem vielleicht das Taschentuch beim Gehen herunterfällt, tun wir auch mal ein oder zwei Schritte rückwärts. Aber einen ganzen Halbmarathon rückwärts laufen? Das ist wohl eher ungewöhnlich und sorgt für unverständliches Kopfschütteln oder gar Belustigung. Dabei hat das Rückwärtslaufen durchaus auch seine Berechtigung, wenn es nach den Sportlern des Retro-Runnings geht.

Weltmeisterschaften im Rückwärtslaufen

Diese unbekannte, sich aber inzwischen immer größerer Beliebtheit erfreuende Sportart hat das erste Mal Erwähnung im Jahre 1826 gefunden. Es hat allerdings knapp 150 Jahre gedauert, bis sie tatsächlich als solche verstärkt in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Als Pionier dieses Fachs wird der Franzose Chritian Grollé angesehen, der sich 1978 mit dieser speziellen Laufart beschäftigte.

Der wirkliche Patron des modernen Retro-Runnings ist aber der deutsche Roland Wegner, der seit 2001 das Rückwärtslaufen promotet. 2005 schlossen sich auf seinen Impuls hin Vertreter verschiedener Nationen (u. a. Deutschland, Frankreich und Österreich) zusammen und gründeten die International-Retro-Runner (IRR), eine Vereinigung, um internationale Wettkämpfe austragen zu können.

Seit dem gab es bereits fünf Weltmeisterschaften, welche in einem Zweijahresrhythmus ausgetragen werden. Die aktuelle fand erst vor wenigen Wochen (31.07-03.08.2014) in Italien statt. Dort werden Disziplinen ausgetragen wie 100m, 200m, 400 und 800m, aber auch größere Distanzen werden als Wettkampfplattform angeboten: Von 1.500m über 10.000m bis hin zum Halbmarathon ist alles dabei.

Retro-Running als Protestbewegung

Somit unterscheidet sich das Retro-Running kaum vom „normalen“ Laufen – außer dass es rückwärts geschieht. Die Regeln orientieren sich größtenteils an der Leichtathletik. Die Besonderheiten sind Folgende:

  • Der Athlet muss sich mit dem Rücken voran bewegen. Dabei müssen die Zehenspitzen immer in entgegengesetzte Richtung zeigen.
  • Bei langen und/oder Querfeldein-Läufen ist eine Vorwärtsbegleitung erlaubt, es darf jedoch zu keiner Körperberührung kommen.
  • Jeder Rückwärtsläufer ist dazu verpflichtet, einem schnelleren Athleten auszuweichen, um Zusammenstöße zu vermeiden.
  • Rückwärtsläufer starten im Hochstart, bis 400m kann wahlweise ein Startblock genutzt werden. Die Zeitmessung endet mit Erreichen des Rückens der Ziellinie.
  • Aus Sicherheitsgründen wird den Athleten empfohlen, eine Schutzausrüstung (Kopf, Handgelenk, Ellenbogen) zu tragen.

Die Wettkämpfe finden weitestgehend ohne Sponsoring statt, da das Retro-Running auch eine gewisse Protestbewegung ist, gegen den Kommerz beim Sport und wieder hin zur Bewegung selbst. Auch Dopingkontrollen sind hier nicht üblich, da nicht die Leistung an erster Stelle steht.

Die Vorteile des Rückwärtslaufens

Den Sportlern kommt es eher auf den Reiz der Abwechslung an, auf den besonderen Kick beim Laufen. Denn das Rückwärtslaufen fordert sie auf eine völlig neue Art und Weise: Da beim Rückwärtslaufen der Blick nicht nach vorn geht, werden die anderen Sinne mehr gefordert. Auch das periphere Sehen und der Gleichgewichtssinn werden stärker dadurch geschult.

Amerikanische Ärzte benutzen das Rückwärtslaufen sogar als unkonventionelle Reha-Maßnahme, da es den Rücken schont und andere Muskelgruppen (Waden, Oberschenkel) beansprucht. Verletzungen sind generell selten, da Sehnen und Gelenke weniger belastet werden und die Geschwindigkeit geringer ist. Zahlreiche (vorwärtslaufende) Sportler bauen diese Technik auch als Konditionsübung in ihr normales Training ein.

Besonders reizvoll ist, dass der Sauerstoff- und Kalorienverbrauch in diese Laufrichtung wesentlich höher ist. Bei Tests mit einem Weltrekordhalter hat sich ergeben, dass rund 21% mehr Kalorien verbrannt wurden als beim Vorwärtslaufen. Wissenschaftler nehmen darum inzwischen an, dass Rückwärtslaufen das Herz und den Kreislauf effizienter trainiert.

Was Anfänger beachten sollten

Viele Retro-Runner trainieren vier- bis sechsmal die Woche. Doch das ist keine Pflicht bei dieser Sportart. Anfänger sollten ohnehin ganz entspannt beginnen, um sich an die neuen Bewegungen gewöhnen zu können. Dafür ist es von Vorteil, sich zum einen eine möglichst flache und ebene Strecke zu suchen – eine Laufbahn ist ideal. Zum anderen läuft es sich am Anfang zu zweit leichter.

Während der eine vorwärts läuft und auf den Untergrund und die Richtung aufpasst, kann der andere sich auf den Laufstil konzentrieren. Dabei sollte die Körperhaltung möglichst aufrecht sein und die Schritte dynamisch ausgeübt werden. Der Rücken muss gerade sein und der Po darf nicht in Laufrichtung herausragen. Das Becken sollte also möglichst gestreckt sein. Nach einer Weile können die Rollen dann getauscht werden.

Wem übrigens die Geschwindigkeit beim Retro-Running langsamer als beim normalen Laufen erscheint, der irrt sich nicht. Der Grund dafür ist, dass die Schrittlänge rückwärts etwa 30% kürzer ist, als vorwärts und der Läufer darum auch nur eine 30% geringere Geschwindigkeit aufnehmen kann.

Deutsche Athleten rückwärts ganz vorn

Nichtsdestotrotz sind die bisher erreichten Weltrekorde im Retro-Running durchaus beeindruckend. Zahlreiche von ihnen werden sogar von deutschen Sportlern gehalten. So lief beispielsweise Achim Aretz 2010 den bisher schnellsten Marathon rückwärts in einer Zeit von 3:42:41 Stunden.

Aretz hat auch im August mehrere Goldmedaillen bei der Weltmeisterschaft in Italien eingestrichen, so u. a. in den Disziplinen 10.000m und 5.000m. Insgesamt belegte Deutschland somit 2014 den 2. Rang mit 28 Auszeichnungen. In zwei Jahren wird die 6. IRR Weltmeisterschaft nach Essen kommen und somit ein Heimspiel für die deutschen Athleten werden. Bis dahin kann sich noch fleißig rückwärts entwickelt werden.

 

Quellen: rnz.de | retrorunning.de | faz.net | retrorunningworld.org/de | runnersworld.de | wikipedia.de | retrorunnng.at

Foto: Roland Wegner

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Sommer
11 Dezember 2015 - 01:16

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